Radu Darvaș
(Fotografien aus Rumänien und Siebenbürgen)
Radu Darvaș wurde 1973 in Bukarest in eine kleine Plattenbauwohnung und kunstinteressierte Familie hineingeboren. Seine Mutter, eine gelernte Kirchenmalerin, legte ihren beiden Kindern die Kunst sehr nahe und gab ihnen so eine Neugier und Lust am Ausprobieren mit.
Ich, Mira Darvaș, wiederum eines seiner beiden Kinder, verbinde eben diese Aspekte sehr mit Radu.
Radu bekam als ein kleiner Junge eine Kamera geschenkt und entdeckte die Fotografie und begann so, ein paar Jahre später, in der Zeit vor und zur Revolution ´89, intensiver zu fotografieren. Die Bilder entwickelte er im Badezimmer der Bukarester Plattenbauwohnung. Aus seiner Sicht „knipste“ er nur, doch die Fotos die dabei entstanden zeigen einen feinen künstlerischen Blick und viel Sensibilität für seine Motive. Durch seine Art löste er die Distanz zwischen sich als Fotograf und den Menschen vor der Linse auf. Mit der Zeit gewinnen die Bilder an historischem Wert, denn zu sehen sind Menschen aus Siebenbürgen Sachsen kurz nach der Revolution, Demonstrationen in Bukarest und andere Straßenszenen.
Radu verstarb 2015 in Dresden, meiner Geburtsstadt und hinterließ ein Konvolut von ca. 5000, hauptsächlich Schwarz-Weiß-Negativen und einigen selbst entwickelten Abzügen. Seit 2024 setzen wir uns in der Familie und im Austausch mit Freunden und Bekannten intensiver mit diesem fotografischen Nachlass auseinander, wozu das Sichten, Archivieren, Pflegen und Ausstellen gehört.
Die erste Ausstellung fand 2024 unter dem Titel „Wiedergutmachung – Fotografien aus Siebenbürgen von Radu Darvaș“ statt und zeigt Bilder aus einem kleinen abgelegenen siebenbürgisch-sächsischen Dorf namens Viscri/Deutsch-Weisskirch in den 90er Jahren. In dieser Zeit des Umbruchs, nach dem Sturz Ceaușescus und vor Rumäniens Beitritt in die EU fotografierte Radu einige seiner wichtigsten Bilder und nebenbei lernten sich hier auch meine Eltern 1994 kennen. Eine Rolle spielte dabei der Dresdner Verein “Initiative Rumänien e.V.”, welcher seit Anfang der 1990er Jahre soziale Projekte in Rumänien durchführte, wodurch junge Menschen, überwiegend aus Ostdeutschland nach Viscri reisten und Hilfe vor Ort leisteten. Auch meine Mutter, Heike Tüllmann wohnte für ein Jahr in Viscri und hütete ein Haus des Vereins. Dieses diente Vereinsmitgliedern, Helfenden und Reisenden als Übernachtungsort und Sammelstelle für Hilfsgüter.
Dass nun junge Leute in diesem Ort lebten und sich trafen, Reisende beherbergten und bis in frühe Morgenstunden Musik in der kleinen Küche hörten, sprach sich auch bis Bukarest rum.
So zog es auch Radu nach Viscri und hinterließ zusammen mit den Menschen vor Ort seine Spuren. Wie bei so vielen anderen auch. Denn man muss sich vorstellen, wie scheinbar die Zeit auf den Gassen und den Höfen stehen geblieben ist und die jungen Menschen, verschiedener Herkunft auf die Dorfbewohner und deren traditionelle, bäuerliche Lebensweise trafen.
Die Siebenbürger-Sachsen, eine deutschsprachige Minderheit, die im Begriff war, sich aufzulösen, da nach der Revolution viele ausgewandert waren, lebte zum Teil noch ihr Leben fast genauso weiter wie es hunderte von Jahren gelebt wurde.
Im Rahmen der Ausstellung in Dresden entstand eine Art Collage von Zitaten von Freunden und Familienmitgliedern, in denen sie ihre persönlichen Erinnerungen an Viscri darlegten. Weitere zum Teil bereits aufgearbeitete Fotografien gibt es aus Radus Zeit an der Hochschule in Bukarest und der Zeit um die Revolution. Mein Ziel ist die vollständige Archivierung und Digitalisierung von Radus Fotos, weitere Ausstellungen, gern auch in Rumänien, sowie die Erstellung eines Bildbandes.
Es ist ein spannender Weg für mich und immer wieder ein neuer Prozess und Entscheidungsfrage, je nach Ausstellungsort, Publikum und Art der Präsentation, wohin der Fokus gelegt wird. Durch die verschiedenen Sichtweisen und Erfahrungswerte in der Geschichte der Sächsinnen und Sachsen, Rumäninnen und Rumänen sowie persönlichen Verarbeitungsprozessen auch meinerseits, entstehen multiperspektivische Ebenen, die alle irgendwie in diesem Projekt nebeneinander existieren.
Für mich ist dies ein sich stets ändernder und fluider Weg und ich bin offen und freue mich über jegliche Anregungen, Hinweise und Geschichten.
Mira Darvaș
Aus der Ausstellung
„Wiedergutmachung –
Fotografien aus Siebenbürgen von Radu Darvaș“
Das Überraschende war, und darauf war man ja nicht direkt vorbereitet, dass man nach 20 Stunden Autofahrt quer durch Europa eine Zeitreise gemacht hatte.
Zurück, egal wie man es beziffert, 40 Jahre, 60 Jahre, 100 Jahre. Und dass einem mit all dem zivilisatorischen Zuckerguss, der einem dabei abhanden kam, und mit den zentralbeheizten, gemütlichen Gewissheiten, auch gleich noch Anstand und Sicherheit in Frage gestellt wurden, das war schon krass. Es archaisch zu nennen, halte ich für zuviel. Zu dick.
Es ist ja umgedreht. Das eigentlich Bemerkenswerte ist ja, dass dir in deinem eigenen Leben alles archaische abhanden gekommen ist. So als betäubte die Zivilisation aus Kindergarten, Schule, Studium, Beruf jeglichen Zugang zu den lebenswichtigen Instinkten. Wenn einer dich nicht leiden kann, zündet er deine Scheune an. Und in deinem Brunnen schwimmt ne tote Ratte.
So war die offizielle Version. Egal, ob sie stimmte oder nicht, aber die Tatsache, dass du hier weit weg bist von bewährten Regeln, und hier andere Regeln gelten, die du erst lernen musst, das vermischte sich mit all den schönen Momenten.
Und in den Mittelpunkt rückt der Mensch. Plötzlich hängt dein Wohl und Wehe davon ab, dass deine Gastgeber anständige Menschen sind. Aus meinem eigenen Leben kannte ich Gastfreundschaft ja nicht. Weil niemals Fremde an meine Tür geklopft hätten. Und wenn man sich noch Jahrzehnte später erinnert, an die Wärme des Brennkessels und den Geschmack des Tuica, der dort heiß heraustropfte, während es draußen Katzen und Hunde regnete, dann klingt das nur marginal. Aber das Gehirn hat sortiert. Und hat vieles Andere aussortiert und vergessen.
Achso.
Und rückblickend ist es Dankbarkeit.
Dass Radu mich eingeladen hat, mitzukommen.
(Micha)
Also der Klassiker war, dass ich anfänglich Tirgu Mures (Târgu Mureș) für Guten Tag hielt ;-). die Leute in Viscri fanden das irritierend, Radu fand’s sehr amüsant…
Ich erinnere mich eigentlich gar nicht an genaue Erlebnisse, eher an das Gefühl dort zu sein. Und an das Licht. Noch heute denke ich jedes Mal wenn ich Holzfeuer rieche, an Viscri und auch an Radu.
(Andreas)
Mir geht’s ähnlich, die Düfte, das gleißende Licht, die liebevollen alten Omis, Pferdekarren, Menschen mit ihren Tieren, Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft; wie uns sein Lieblingsprofessor einfach mit in die Uni nahm, Monicas winzige Kellerbutze, in der wir alle viel Zeit verbrachten mit vielen Carpați-Zigaretten, Euch befehlenden Deutschen, die Erdsauna und Bogdans Spruch eines morgens: “Was habe ich eine große Katze” (anstatt Kater)…
Ich vermisse ihn sehr, fällt mir grade auf beim Erinnern
(Georg)
Für mich ist die Erinnerung an Deutsch Weißkirch untrennbar mit Hermann und Katharina Müller verbunden.
Ich bin in ihrer Küche… rieche den Palukes… schmecke die Berge von Eierkuchen mit HagebuttenMarmelade, die Katharina für uns buk… egal wie viele wir waren. Im November 1995 waren wir in Weißkirch… ein massiver erster Schneeeinbruch, den wir so nicht erwartet hatten… Anna, unsere Tochter, die da 1 1/ 2 Jahre war, bekam warme Kleidung von Katharina und spielte im Küchenschrank von ihr ausgiebig mit dem Emaillie-Geschirr.
Ein Gefühl von Zuhause sein.
(Sybille)
Wir gingen zur Hauptstraße hinunter, um Brot zu kaufen. Es wurde durch ein Fenster in einem der Häuser verkauft. Das Dorf sah verlassen aus, als wären wir die einzigen Menschen, die in seinen ruhigen Straßen lebten. Wir sprachen wenig miteinander, fast im Flüsterton. Dann erschien am Ende der Hauptstraße eine ältere Frau, die langsam bergab ging und ihre Gartengeräte auf der Schulter trug.
Und plötzlich erwachte der ganze Ort zum Leben.
(Kazi)
Ich hab eine Erinnerung aus dem Sommer 1996 -damals war ich in Bukarest in der Kunstakademie, wo ich mit ein paar Kunststudenten in den Ateliers herumsaß und die merkwürdige Atmospähre bestaunte, ein bisschen Hippie, ein bisschen Autoritarismus, postsozialistisch, man konnte noch Arta Monumentala studieren, um Arbeiter-und Bauernfresken an Wohnblocks und Parteisitze zu malen -eben nicht mehr, aber den Studiengang gab es noch. In der Abteilung Malerei waren die großen Ateliers, die Zeichner hatten die Kellerräume, im Hof der Akademie wachte einer der 1000 Straßenhunde, die Mensa war der kleine Kiosk, die crâsma, in der die Studenten Bier als Pausenbrot “aßen”. Mir servierten sie Kaffee – Amigo, mit wenig Wasser angerührt und so aufgeschäumt, dass der Kaffee eine “Crema” bekam. Und Tee gabs in der Zahar-Ars-Variante. Zucker über der Kerze anbrennen lassen, bis er fast schwarz war, dann heißes Wasser drauf, bitter und süß: schwarzer Tee.
Außerdem immer Diskussionen, ob westliche Einflüsse gut oder schlecht wären. Ein irgendwie trotziger Nationalstolz, philosophisch untermauert, Echo der alten Zeit. Verstehe, wenn Radu sich dort nicht beruhigen konnte, sondern bei Hans im Hof mit Musik aus dem kaputten Auto, für das er keine Fahrerlaubnis mehr hatte und Cannabis hinterm Stall.
Ach Mist – könnte ewig weitermachen.
(Eva)
Viscri, ein Ort, den ich nicht ausreichend kennengelernt habe. Ein rauher Ort für mich und meine Anpassungsfähigkeit, völlig anders als der einzigartige Ort in meinem Herzen, der Garten meiner Großeltern.
Meine Freunde Katharina und Hermann Müller bleiben in meinem Herzen. Rauh auch Katharina, in deren Umarmung meine Knochen knackten wie dünne Äste, was sie zum Lachen brachte. Viele wunderbare Fotos blieben in meinem Gedächtnis, in Ermangelung einer Kamera.
Katharina Markels Grab umgeben von ritterlichen Blumen – ungewöhnlich groß.
Der schönste doppelte Regenbogen am Himmel im Jahr 1998.
Die besten Nüsse, die ich je gegessen habe.
Ich habe Viscri durch Radus Augen und die Aquarelle meiner Mutter geliebt.
Ich hasste Viscri – zu kurze Wiedersehen, zu lange Abwesenheiten, ein namenloses Grab auf dem Hügel, wie das eines unbekannten Soldaten.
VISCRI – hat mir immer zu viel abverlangt.
(Anca)
Neuigkeiten
Wiedergutmachung – Fotografien aus Siebenbürgen von Radu Darvaș
21 Jul 2026
Die Ausstellung „Wiedergutmachung – Fotografien aus Siebenbürgen von Radu Darvaș“ zeigt Bilder aus einem kleinen abgelegenen siebenbürgisch-sächsischen Dorf namens Viscri/Deutsch-Weisskirch. Dieser Ort in dem sich meine Eltern kennen lernten und so auch meine…